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Als der Glaube Berge überwand



Auf den Spuren der Bibelschmuggler in den Kärntner Nockbergen

Es ist schon ein selten schönes Plätzchen, das meine Freundin Monika da gefunden hat. Wir sitzen auf dem „Feierabend-Bankerl“ vor dem „Alten Plür“, einem uralten Bauernhaus, und genießen die Aussicht: Im Süden reicht der Blick bis zu den Karawanken, Richtung Westen baden die sanften Kuppen der Kärntner Nockberge im goldenen Abendlicht. Als gute Gastgeberin bewirtet mich Monika mit Birnenmost und einer typisch kärntnerischen „Brettljause“, garniert mit der spannenden Geschichte des Anwesens.

 

Glaube oder Heimat?

„Weißt Du, dass dieses Haus lange ein konspirativer Treffpunkt war? Hier haben sich Geheimprotestanten versammelt, um ihre verbotenen Andachten abzuhalten, “ erzählt meine Gastgeberin. In Kärnten gab es nach der mit großer Härte durchgeführten Gegenreformation viele Menschen, die dem evangelischen Glauben treu blieben. „Wir werden euch schon katholisch machen“, hieß es damals, die Protestanten mussten entweder ihrem Glauben abschwören oder ins Exil gehen. Für das einfache Volk war Auswandern oft unmöglich, deshalb ließen sich viele zum Schein zum Katholizismus bekehren, hielten aber innerlich am Protestantismus fest.

Gerade in abgelegenen Tälern und Bergregionen wie den Nockbergen konnten sich die Geheimprotestanten der Verfolgung entziehen. Wie die ersten Christen trafen sie sich im Verborgenen, um gemeinsam zu beten und das Wort Gottes zu hören – in Luthers Übersetzung. Die Bibeln, Gesangbücher und Predigtsammlungen wurden gehütet wie ein Schatz und sorgsam vor der Obrigkeit versteckt, denn ihr Besitz stand unter Strafe. So gut waren die Verstecke, dass viele der Bücher oft erst nach Jahrhunderten wieder auftauchten. „Schon möglich, dass hier am Alten Plür noch irgendwo in einem Geheimfach eine alte Lutherbibel liegt“, meint Monika.

 

Lesen befreit

Wieder zurück in meinem Urlaubsdomizil, dem Hotel Trattlerhof in Bad Kleinkirchheim, spreche ich Jakob Forstnig, den Hotelbesitzer, auf dieses Thema an. Er weiß sicher auch Einiges darüber, schließlich reicht die Historie des Trattlerhofs bis ins 15. Jahrhundert zurück. Freilich kennt er viele Geschichten über die widerborstigen Bergbewohner, die einfach nicht mehr kritiklos hinnehmen wollten, was man ihnen vorsetzte.

„Das muss man sich einmal vorstellen, was für ein Affront das für die Geistlichkeit und die Landesherren war: Da erdreisten sich einfache Bauern und Handwerker, selber in der Bibel lesen zu wollen!“ erklärt der junge Hotelier. „Natürlich waren die Bücher, die die Autorität der Obrigkeit untergruben, streng verboten, aber die Menschen fanden trotzdem Wege, sich ihre „geistige Nahrung“ zu beschaffen. Bibelschmuggler brachten sie aus Deutschland in unsere Gegend.“

Jakob Forstnig hat noch einen spannenden Wander-Tipp für mich: „Sie können der Route der Schmuggler folgen, wenn Sie auf dem „Weg des Buches“ wandern, vier sehr schöne Etappen führen durch die Nockberge. Sie können gerne eines unserer E-Bikes oder unser Elektroauto für die Anfahrt zum Ausgangspunkt nehmen – natürlich kostenlos.“

 

Der Weg des Buches

Der rund 550 km lange Weitwanderweg beginnt in Ortenburg, einer protestantischen Enklave mitten im erzkatholischen Niederbayern. Bis in diese kleine Reichsgrafschaft bei Passau durften einst die evangelischen Bibeln geliefert werden. Dort deckten sich Händler, die zum Beispiel Vieh oder Salz nach Bayern exportierten, für den Rückweg mit „heißer Ware“ ein. Um die oft leseunkundigen Zöllner hinters Licht zu führen, rissen die Bibelschmuggler die erste Seite heraus, damit die Kontrolleure nicht erkennen konnten, ob es sich um katholische oder evangelische Bibeln handelte.

Der „Nockberge-Abschnitt“ beginnt in Schönfeld bei Innerkrems, wo die Wanderer unter zwei Wegvarianten zum Großen Königsstuhl wählen können. Über die Stangalm gelangt man zur Priesshütte, die Übernachtungsmöglichkeiten anbietet. Die nächsten Etappen führen zum Falkert und weiter nach Wiedweg. Der Bad Kleinkirchheimer Abschnitt bringt den Wanderer hinauf zum Wöllaner Nock und weiter nach Arriach.

 

Pilgern auf Schmugglerpfaden

Ich entscheide mich, einen Teil der Etappe vom Falkertsee nach Wiedweg zu wandern, eine leichte, abwechslungsreiche Tour über Almböden, Gipfelerlebnisse inklusive. Leise schnurrt der Mercedes E-cell in einer Viertelstunde hinauf zum Falkertsee, wo mir rechteckige weiße Tafeln mit dem Pilgerweglogo in schwarz den Weg weisen. In südlicher Richtung geht es bergan zum Rödres Nock, von dessen breitem Bergrücken ein Gipfelkreuz die Pilger begrüßt.

Zeit für eine Rast und um etwas innezuhalten. Der Ausblick vom Rödres Nock ist überwältigend: Ganz Kärnten liegt vor mir, von den Karawanken, über die Karnischen Alpen, die Lienzer Dolomiten, die Hohen und die Niederen Tauern. Wie schwer muss es für die „Exulanten“ gewesen sein, ihre wunderschöne Heimat zu verlassen. Das Gehen und die Natur bringen mich auf andere Gedanken. Über den Salzsteigweg pilgere ich weiter zum Schwarzkogel und durch einen lichten Lärchenwald bis zur Moschelitzen Alm, bevor ich mich wieder auf den Rückweg zum Falkertsee mache.

Abends bei einem gemütlichen Absacker in Trattlers Einkehr bin ich noch mit den Eindrücken des Tages beschäftigt, als mir Jakob Forstnig die Chronik seines Hauses vorbeibringt. Basierend auf Unterlagen aus dem Kärntner Landesarchiv zeichnet sie die Entwicklung des Trattlerhofs von der Wirtskeusche zum 4-Sterne-Hotel nach. „Wenn ich darin lese, wie unfrei die Menschen früher leben mussten, wie abhängig sie von ihrer Grundherrschaft waren, kann ich gut verstehen, was ihnen die Freiheit ihres Glaubens bedeutete. Daran sollten wir heutigen Menschen uns immer wieder erinnern, “ sagt der junge Hotelier nachdenklich. Da kann ich ihm nur zustimmen.

 

Übernachtungstipp:

Hotel Trattlerhof ****, www.trattlerhof.at

Die Gastgebertradition des Trattlerhofes in Bad Kleinkirchheim liegt seit über 130 Jahren in den Händen der Familie Forstnig, die das renommierte 4-Sterne-Hotel in fünfter Generation betreibt. Familiäre Gastlichkeit, alpiner Charme und vorbildliches Engagement für Klimaschutz und Nachhaltigkeit gehen dabei Hand in Hand.

 

Informationen: www.wegdesbuches.at

Buchempfehlungen: Der Weg des Buches, Hg. Michael Bünker und Margit Leuthold

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